Die Schamanenpflanze Gemeine Fichte

gemeine FIchte

Die allseits bekannte Konifere Picea abies ist neben der Nordmann Tanne und der Blau-Fichte einer der bleibtesten Weihnachtsbäume. Die Kulturgeschichte der gemeinen Fichte verrät jedoch, dass sich ihr Gebrauch bei weitem nicht nur auf die Verwendung als Weihnachtsbaum beschränkt. Die Fichte ist nämlich auch als wichtige Heilpflanze seit alters her von großer Relevanz – etwa in der Darreichung eines reinigenden, harmonisierenden Räucherwerks.

Aussehen und Vorkommen der Picea abies

Der immergrüne Nadelbaum Picea abies mit kegelförmiger Krone und rotbrauner, rundlich-schuppiger Rinde ähnelt nicht nur optisch stark der verwandten Tanne, sondern auch der Duft der Nadeln lässt sich damit gut vergleichen. Unter guten Wachstumsbedingungen erreicht die gemeine Fichte eine Höhe von bis zu 70 Meter. Zudem kann das Gewächs ein Lebensalter von über 600 Jahren erreichen. Trotz ihrer beeindruckenden Größe dringen ihre Wurzeln lediglich ein- bis maximal zwei Meter in den Boden ein. Aus den roten Blüten bilden sich die Zapfen, die eine Länge von 10 bis 15 cm erreichen. Im Vergleich zu vielen anderen Nadelbäumen ist für die gemeine Tanne charakteristisch, dass ihre Zapfen nach unten hängen.

Die Fichte ist, abgesehen von Großbritannien, in ganz Europa heimisch. In Mittel-, Ost- und Nordeuropa ist sie besonders verbreitet und auch in Teilen Russlands ist sie häufig vorzufinden. Die Picea abies mag grundsätzlich ein kaltes, feuchtes Klima und ist aus diesem Grund oft in Gebirgen anzutreffen. Aufgrund ihrer forstwirtschaftlichen Bedeutung hat die Tanne ihr Vorkommen in jedem Nadelwald.

Anwendungszwecke und Rituale

Zwar gibt es keine eindeutigen Belege, aber es kann durchaus davon ausgegangen werden, dass die Picea abies zu den Räucherstoffen in Ureuropa gehört. Leider kann heute nur noch spekuliert werden, wie und zu welchem Zweck die Urbevölkerung einst als rituelles Räucherwerk einsetzte. Unter anderem hängt dies damit zusammen, dass einst eine gezielte Auslöschung heidnischer Kulturen stattfand. Es könnte in anbetracht des Wirkprofils unter Umständen so sein, dass die Fichtennadeln oder das Harz als rituelles Räucherwerk eine Rolle spielte und vor negativen Einflüssen schützte.
Die Fichte waren für unsere heidnischen Ahnen ein vor negativen Einflüssen schützender, heiliger Baum, der zudem einen Sieg des Bewusstseins über den Tod symbolisierte. Auch die rituelle Praktik, einen Scheiterhaufen mit Fichtenzweigen auszulegen oder bei einem Trauerfall einen Fichtenzweig über das Totenbett oder über die Haustür zu hängen, basiert diese Vorstellung.

Der Fichte kam auch bei den Griechen einst besonderer Bedeutung zu. Im alten Griechenland stellte man Schiffsmaste aus Fichtenholz her. Im Aberglauben von Seefahrern existierte einst die Vorstellung, dass im Fichten-Mast ein Pflanzengeist lebt. Nachts kommt dieser als “Klabautermann” auf das Schiff und vollbringt entweder nützliche Taten, oder spielt den Seemännern Streichen, je nachdem, wie er behandelt wurde.

Weiterhin wurden Nadeln, Zapfen und Harz der Fichte im europäischen Mittelalter aufgrund der antiseptischen Wirkung zwecks Desinfektion und Reinigung von Wohnungen geräuchert. Besonders oft war dies zu Zeiten von Pestepidemien und großen Seuchen der Fall.

Auch zahlreiche Kräuterkundige aus früheren Zeiten wussten die Wirkungsweise der gemeinen Fichte zu schätzen. So wurden Harz, Nadeln und Triebspitzen schon damals bei Gliederschmerzen, Gicht, Rheuma, Vitamin-C-Mangel und Skorbut eingesetzt, sowie bei Husten, Hexenschuss, Blutkrankheiten und Erkältungskrankheiten verordnet. Zudem nutzte man das Harz als Pflaster zur beschleunigten Wundheilung.

Heute erfährt die gemeine Fichte meist in Form eines Badewasser-Zusatzes Verwendung, der wärmend, durchblutungsfördernd, husten- und schleimlösend sowie entspannend wirkt.

Verarbeitungsformen

Fichtenharz sammeln

Um die Fichte als Räucherwerk einzusetzen, kann das Fichtenharz bzw. die Triebspitzen gesammelt werden. Es kann das ganze Jahr über gefunden werden und ist somit an keine bestimmte Jahreszeit gebunden. Es ist dabei unbedingt zu beachten, dass nur das Harz alter und bereits verheilter Baum-Wunden sammelt, da der Sammler sonst die Fichte zusätzlich verletzen müsste.

Für die Wirkstoffzufuhr der Fichte gibt es neben der Verwendung als Räucherwerk noch einige weitere Möglichkeiten:

1. Badezusatz
Etwa 200 – 400 Gramm der Triebspitzen werden mit gut einem Literkochendem Wasser übergossen. Das Ganze muss nun 5 Minuten ziehen und wird anschließend in das laufende Badewasser gegeben.
2. Teeaufguss
Für einen Fichtentee werden die Nadeln und die Triebspitzen benötigt. Diese lassen sich am besten im Frühjahr sammeln. Damit der Baum keinen unnötigen Schaden erleiden muss, sollte sparsam geerntet werden. Auch soll6te nur die Triebe aus dem unteren Bereich der Fichte genutzt werden.
Ein Teelöffel der Nadeln werden für den Fichtentee mit 200 ml Wasser übergossen. Das ganze muss anschließend 10 Minuten köcheln. Nach dem Abseihen ist der Fichtentee trinkfertig. Zu therapeutischen Zwecken sollten davon mindestens 3 – 4 Tassen täglich konsumiert werden.
3. Tinktur
Abhängig von der Potenz wird eine angemessene Menge der Triebspitzen oder Nadeln mit hochprozentigem Alkoholikum übergossen. Hierfür muss ein verschließbares Gefäß verwendet werden. Sobald die Nadeln vollständig mit der Flüssigkeit bedeckt wurden, wird das Gefäß verschlossen und rund 10 Tage an einem trockenen, dunkeln Ort aufbewahrt. Das Behältnis sollte mindestens einmal am Tag kräftig geschüttelt werden. Eine Fichten-Tinktur ist äußerlich angewendet ein gutes Therapeutikum zur Reduzierung von Muskel- und Gelenkschmerzen.

Körperliche und geistige Wirkung der Picea abies

Die Fichte wirkt auf der körperlichen Ebene – also als Teeaufguss, als Tinktur oder als Inhalativum – antibakteriell, lungenreinigend, entzündungshemmend, schweißtreibend, durchblutungsfördernd und tonisierend.

Als geistbewegende Räucherpflanze bedient man sich üblicherweise des Harzes. Selten werden die Triebspitzen verwendet. Fichtenharz kann beim Räuchern einen sehr dichten Dampf entwickelt. Daher sollte stets für ausreichend Frischluft gesorgt werden. Das Harz kann sowohl alleine geräuchert werden, als auch gleichzeitig in Form einer Räuchermischung. Viele räuchern Fichtenharz am liebsten zusammen mit anderen Stoffen, da dies nicht nur die Duftnote beeinflusst, sondern auch die Wirkung der Stoffe synergistisch verstärken kann.

Eine Mischung, die sich beispielsweise hervorragend für eine rituelle Reinigung eignet, beinhaltet Artemisia vulgaris (Beifuß), Hierochloe odorata (Duftgras), Angelica officinalis (Engelwurz), Picea abies (Fichtenharz), Sambucus nigra (Holunder), Salvia apiana (Salbei) und Juniperus communis (Wacholder).

Die Geist bewegende Wirkung des Fichtenharzes inform eines Räucherwerks verbindet eine Person durch einen kräftig-waldigen Geruch auf olfaktorischem Wege augenblicklich mit den wohlriechenden, heimischen Nadelwäldern. Nach einer Fichtenräucherung spürt man meist zwar keine starke Psychoaktivität, also keine deutliche Bewusstseinsveränderung, dafür wirkt die Räucherung aber zweifelsohne Geist bewegend. Der Geruch beruhigt, entspannt und bringt die Gedanken wieder in Reine. Viele Anwender beschreiben außerdem, dass die Fichtenräucherung herzöffnend und konzentrationsfördernd wirkt.

Von Henry Mühpfordt – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7022644

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